Ein Gespräch mit Mag. Bettina Schmalzl und Dipl. Des. Guntram Bechtold über einen Vorfall in einer Kinderbetreuung, über Verantwortung und darüber, was sich jetzt ändert.
In einer Kinderbetreuung des Familienverbands ist im Sommer etwas vorgefallen, das nicht hätte vorfallen dürfen. Darüber ist in den Medien berichtet worden. Wir haben die beiden gebeten, selbst zu sprechen: Bettina Schmalzl, die die Einrichtung vor mehr als fünfzehn Jahren mitgegründet hat und sie bis heute leitet und Guntram Bechtold, Obmann des Vorarlberger Familienverbands.
Mehr dazu: Der Bericht auf ORF – Vorarlberg Heute, VOL.at Bericht

Frau Schmalzl, was ist aus Ihrer Sicht vorgefallen?
Schmalzl: Ich habe in einer Auseinandersetzung über fehlende Information und Transparenz mit einer Mitarbeiterin die Kontrolle verloren und überreagiert. Das war falsch. Ich habe mich bei ihr entschuldigt, vor Ort persönlich und mehrfach schriftlich, und ich stehe dazu. An meinem Fehlverhalten gibt es nichts schönzureden. Die Behauptung, es wäre um das Kopftuch an sich gegangen, ist falsch. Ich weise das klar zurück.
Sie hätten dazu auch schweigen können.
Schmalzl: Ich leite dieses Haus, bin Mitbegründerin und lebe seit jeher Werte vor, die mir persönlich wichtig sind. Wenn ich von meinem Team erwarte, dass es Fehler anspricht, dann mache ich das natürlich selbst auch. Mich trifft es, wenn aufgrund eines einzelnen Konflikts ein Bild unserer Einrichtung entsteht, das unserer Haltung und unserer langjährigen gelebten Praxis nicht gerecht wird – und sie in wesentlichen Punkten ins Gegenteil verkehrt.
Herr Bechtold, wie hat der Landesverband reagiert?
Bechtold: Wir haben zuerst das geprüft, was uns als Familienverband am meisten betrifft: ob Kinder betroffen waren und dadurch das Kindeswohl gefährdet war. Das war nicht der Fall. Danach haben wir uns beraten. Formal haben wir nicht mehr tun können.
„Formal nicht mehr tun“ klingt bequem.
Bechtold: Stimmt. Aber unsere Ortsvereine sind eigenständige Vereine mit eigenem Statut und eigenen Organen. Der Landesverband kann ihnen nichts anschaffen, das regelt das Vereinsrecht. Was wir können, ist Standards setzen und verbindlich machen. Das machen wir jetzt, und wir hätten es früher machen sollen.
Was heißt das konkret?
Bechtold: Drei Dinge.
Erstens: Wir haben eine Meldestelle eingerichtet. Wer in einer unserer Einrichtungen Diskriminierung erlebt oder beobachtet, kann sich direkt an uns wenden, ohne den Weg über die eigene Leitung. Das gilt für Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Eltern, auf Wunsch anonym.
Zweitens: Unser Kinderschutzkonzept ist nach österreichischem Qualitätsstandard zertifiziert.
Drittens: Mehr Informationen, Workshops und Schulungen für Leitungen, zum Umgang mit Konflikten und mit Diskriminierung.
Frau Schmalzl, was hat sich für die Kinder in der Kinderkrippe seither geändert?
Schmalzl: Nichts. Das ist mir wichtig zu sagen, weil es die Frage ist, die Eltern zuerst stellen. Kulturelle, sprachliche und religiöse Vielfalt gehört bei uns seit jeher zum Alltag und das ist täglich spürbar. Spaß und Freude am Entdecken und Lernen mit unseren Angeboten sind in den Augen der Kinder abzulesen.
Bei Ihnen arbeiten Frauen mit Kopftuch. Ist das nach alldem noch so?
Schmalzl: Ja, und daran ändert sich nichts. Bei uns ist und war immer schon jede Familie willkommen, unabhängig von Herkunft und Religion. Unsere Eltern und unsere Mitarbeiterinnen schätzen die kulturelle, sprachliche und religiöse Vielfalt, die wir im Alltag leben. In unserem derzeit rund 30-köpfigen Team arbeiten Menschen mit unterschiedlichen Erstsprachen, kulturellen Hintergründen und Religionen. Elf unserer Mitarbeiterinnen sind Musliminnen, mit und ohne Kopftuch. Wir decken mit unserem Team 18 Sprachen ab. Und wir sind bekannt für Inklusion, Integration und ein offenes, wertschätzendes Miteinander – auch wenn derzeit ein anderes Bild in den Medien gezeichnet wird.
Es hat auch Kündigungen gegeben.
Schmalzl: Wir haben in diesem Jahr Stellen abbauen müssen, sechs insgesamt. Das war eine wirtschaftliche Entscheidung, und sie fällt vielen Einrichtungen gerade schwer. Die Dreijährigen sind seit heuer großteils im Kindergarten, nicht mehr bei uns.
Bechtold: Das hat mit den Geburten zu tun. 2021 sind in Vorarlberg 4.295 Kinder zur Welt gekommen, 2025 waren es 3.605. Das sind 690 weniger pro Jahr, vier Jahre Rückgang in Folge. In der Kinderbetreuung kommt das mit zwei bis drei Jahren Verzögerung an, und dann trifft es Gruppen und Personal. Wer Kinder ab sechs Monaten aufnimmt, spürt es zuerst.
Herr Bechtold, warum veröffentlichen Sie das hier, statt es auszusitzen?
Bechtold: Weil ein Verband, der für Familien spricht, auch dann glaubwürdig bleiben muss, wenn bei ihm selbst etwas danebengeht. Und weil es in Vorarlberg Einrichtungen gibt, die seit Jahren Integrationsarbeit leisten, von der kaum jemand redet, solange sie funktioniert.
Frau Schmalzl, warum sollten Eltern ihr Kind bei Ihnen lassen?
Schmalzl: Weil bei uns Menschen mit großem Herzen und hoher pädagogischer Kompetenz für die Kinder da sind. Wir möchten, dass Kinder bei uns Geborgenheit, Wertschätzung und Freude erleben und von Anfang an erfahren: Ich bin willkommen, so wie ich bin.
Gleichzeitig leben wir seit jeher die Vielfalt, die unsere Gesellschaft widerspiegelt. Menschen unterschiedlicher Sprachen, kultureller Hintergründe und Religionen begegnen sich bei uns ganz selbstverständlich. Meine Vision ist, dass wir uns in Lustenau als Gemeinschaft erleben – unabhängig davon, welche Sprache wir sprechen oder welcher Religion wir angehören. In unseren Kinderkrippen ist das seit vielen Jahren gelebter Alltag.
Diese Haltung, verbunden mit unserer hohen pädagogischen Qualität, macht unsere Spielgruppe zu einem wertvollen Ort für die ersten Lebensjahre. Wie das im Alltag tatsächlich erlebt wird, können unsere Eltern und Mitarbeiterinnen wohl am besten erzählen.
Die Meldestelle des Vorarlberger Familienverbands. Wer in einer unserer Einrichtungen Diskriminierung erlebt oder beobachtet, kann sich direkt an uns wenden, auf Wunsch anonym. Hier geht es zur Stelle:
https://familie.or.at/impressum/#Meldestelle