Die Debatte um neun Wochen Sommerferien war der Anlass. Für Veronika Geiger – Beirätin des Vorarlberger Familienverbands und Teil des Elternvereins Haselstauden in Dornbirn – liegt die eigentliche Frage tiefer: Bereiten wir Kinder auf die Zukunft vor, oder verwalten wir die Vergangenheit? Ein Gespräch über den großen Wurf, der der Bildungspolitik fehlt.
Als Katja von den Vorarlberger Nachrichten den Familienverband um ein Statement zu den langen Sommerferien baten, holte Guntram Stimmen aus dem Netzwerk ein. Veronika Geigers Antwort ging über die Ferienfrage hinaus. Für sie ist die Ferienlänge „ein Nebenschauplatz, weil es viel dringendere Probleme zu lösen gibt“. Die Pause im Sommer brauche es, solange das System Schule so funktioniert, wie es funktioniert – für alle: Lehrer, Schüler und Eltern. Zugleich benennt sie das größere Bild: „Wir bilden die Kinder immer noch hauptsächlich für gestern oder heute aus, nicht für die Zukunft. Es fehlt der große Wurf, der Paradigmenwechsel.“ Wir haben nachgefragt.
Veronika, wie müsste ein Bildungssystem aussehen, das Kinder wirklich auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet?
Keine Bulimiepädagogik. Weniger Input, dafür mehr eigenverantwortliches und vor allem soziales Lernen – FREI DAY, Lernbüro, Teamlernen, fächerübergreifend, Montessori, Freinet. Voraussetzung ist natürlich das Handwerkszeug: Lesen, Schreiben, Rechnen muss wirklich sitzen. Deshalb auch Stärkung der Ganztagsschule, damit genügend Zeit dafür ist. Und: Vergleichbarkeit ist tabu. Jeder ist sein eigener Maßstab. Evaluationen dürfen intelligent und individuell sein.
Welcher „große Wurf“, welcher Paradigmenwechsel wäre denkbar? Was braucht es, um das Wohl der Kinder wieder ins Zentrum der Bildungspolitik zu rücken?
Einen radikalen Abbau der Bürokratie. Nicht neun Bildungsdirektionen, sondern nur wenige Verantwortliche pro Bundesland und ein schlankes Bildungsministerium. Das schafft Transparenz, spart viel Geld – und diese Mittel können den Schulen zugutekommen. Schulen brauchen echte Gestaltungsmöglichkeiten: ein eigenes Budget und die Wahl ihrer Lehrer. Das Kind, der Mensch steht im Mittelpunkt. Das ist das Schwierigste, denn es ist eine Frage der Haltung.
Du hast ein Modell erwähnt, bei dem Eltern Ferienzeiten flexibler wählen könnten. Wie könnte das den Druck von Familien und Alleinerziehenden nehmen?
Das funktioniert nur, wenn das Gleichschrittlernen abgeschafft ist. Dann könnten Familien zumindest über einen Teil der Ferien frei entscheiden. Das käme auch billiger, weil man die Nebensaison nützen kann. Man könnte sogar Wohnungstausch machen, um möglichst günstig über die Runden zu kommen.
Wie würdest du Schulen „klimafit“ und zukunftsfähig machen?
Die Sanierung von Schulen und Kindergärten muss Vorrang haben – vor irgendwelchen Prestigeprojekten. Dafür muss das Geld da sein. Wenn nicht, sollten Banken oder große Firmen das als Abschreibeposten übernehmen können, damit es sich rechnet. Und Neubauten sollten ohnehin bestimmte Kriterien der Klimatauglichkeit erfüllen – überprüft von einer unabhängigen Stelle.
Was wäre ein gutes Zielbild für eine zukunftsfähige Gesellschaft? Was unterscheidet „Gestern“ von „Heute“?
Wir brauchen eine kooperative Gesellschaft, die mit Vielfalt umgehen kann. Die interessiert und kritisch hinterfragt – das ist Demokratie. Die mutig für etwas einsteht: für Religion, fürs Klima, für kontroverse Meinungen. Und die Partizipation gelernt hat und auch lebt.
Gestern hieß das: Lernen für den Lehrer. Heute heißt es: Lernen für die Zukunft. Bildung ist mehr als Lernen. Schule braucht ein Zukunftsziel – wir wollen die Welt besser machen. Schule sollte Teil einer Vertrauens- und Verantwortungskultur sein.
„Gestern hieß das: Lernen für den Lehrer.
Heute heißt es: Lernen für die Zukunft.“
Das Gespräch führte Guntram Bechtold, Familienverband im Juli 2026.