Als Papa und Ehemann kenne ich das nur zu gut: Bei uns zu Hause gibt es Handys, Tablets, TikTok, YouTube, Gruppenchats – das volle Programm. Und ich erwische mich selbst dabei, wie ich abends auf der Couch durch Reels scrolle, obwohl ich eigentlich mit meiner Frau reden wollte. Ich bin also der Letzte, der hier den Zeigefinger hebt.
Trotzdem lässt mich etwas nicht los. Ich sehe, wie Kinder aufwachsen und wie selbstverständlich Social Media ihr Bild von Freundschaft, Liebe und Selbstwert mitformt – lange bevor sie das erste Mal verliebt sind. Und ich merke, dass es mich selbst betrifft. Nicht nur als Vater, der sich Sorgen macht. Auch als Ehemann. Auch als Mensch, der nach einem anstrengenden Tag zum Handy greift, statt mit dem Unbehagen einfach dazusitzen.
Dieser Text ist kein Angriff auf Social Media. Ich bin nicht der Typ, der sagt: „Früher war alles besser.“ Social Media hält unsere Familie mit den Großeltern verbunden, es hilft mir, mich mit anderen Eltern auszutauschen, und ja – manchmal finde ich dort auch echte Inspiration. Das will ich gar nicht kleinreden.
Aber es gibt eine andere Seite, und die ist mir in den letzten Wochen richtig bewusst geworden. Zwei Texte haben mich dazu gebracht, genauer hinzuschauen – nicht nur bei meinen Kindern, sondern bei mir selbst. Und ich glaube, das geht mehrenen Eltern so, wenn wir ehrlich sind.
Wo es kippt
Der Algorithmus als unsichtbarer Beziehungsberater
Die TikTok-Creatorin Naomi (naomibabybu) beschreibt einen Mechanismus, der banal klingt, aber tiefgreifend wirkt: Man hat Streit mit dem Partner. Man ist erschöpft, emotional aufgelöst. Man greift zum Handy – nicht um zu suchen, sondern um sich abzulenken. Und genau in diesem Zustand der Erschöpfung beginnt der Algorithmus seine Arbeit.
Ein kurzer Stopp bei einem Video über „emotionale Unerreichbarkeit“ reicht. Das System registriert die Verwundbarkeit und liefert nach: Inhalte über Männer, die das Minimum tun. Über Love Bombing. Über den Mut, sich selbst zu wählen. Man hat nie danach gesucht – aber plötzlich ist es überall. Die Autorin verweist auf eine Dartmouth-Studie von 2023, die belegt, dass intensiver Kurzvideokonsum die Aufmerksamkeitsspanne und die Fähigkeit zur Gefühlsregulation messbar schwächt. Man verliert die Fähigkeit, Unbehagen auszuhalten, ohne sofort zu reagieren. Und Liebe – echte Liebe – verlangt genau diese Fähigkeit.
Wenn Nähe ökonomisiert wird
Die Autorin Smoothie (shedrinkswater) geht in ihrem Essay auf Medium noch einen Schritt weiter und prägt den Begriff kognitive Sicherheit – die Voraussetzung dafür, dass Urteilsvermögen, Bindungsfähigkeit und Wertschätzung nebeneinander bestehen können. Ihr Argument: Ein Geist, der ständig von Kurzinhalten durchdrungen wird, wird durchlässig. Und ein durchlässiger Geist kann keine Liebe halten.
Was beide Texte verbindet, ist eine Beobachtung, die weit über Beziehungen hinausgeht: Wir bewerten Nähe zunehmend nach ökonomischen Maßstäben. Was bringt mir diese Beziehung? Welchen Mehrwert hat sie? Ist ein Upgrade fällig? Intimität wird ökonomisiert und als Selbstachtung gelabelt. Und der Feed zeigt nicht, wie man etwas repariert – er zeigt, wie man geht.
Reparatur trendet nicht
Inhalte über das mühsame, unspektakuläre Dranbleiben an einer Beziehung gehen nicht viral. Was viral geht: Aufbruch, umgedeutet als Erwachen. Ernüchterung, vermarktet als persönliches Wachstum.
Und das betrifft nicht nur Paarbeziehungen. Es betrifft Freundschaften, die nach einem Konflikt aufgegeben statt durchgearbeitet werden. Es betrifft Familienbeziehungen, die nach einem Streit auf Distanz gehen, weil der Feed suggeriert, man müsse sich „vor Toxizität schützen“. Es betrifft die Erwartung, dass Beziehungen reibungslos zu funktionieren haben – und wenn nicht, stimmt etwas mit dem anderen nicht.
Was das für uns als Familien heißt
Was mich an diesen beiden Texten am meisten beschäftigt: Die Gefahr ist nicht, dass Social Media existiert. Die Gefahr ist, dass wir seine Wirkung unterschätzen – auf unsere Kinder, auf unsere Ehe, auf uns selbst.
Ein paar Fragen, die ich mir seitdem stelle – und die vielleicht auch für andere Familien taugen:
Wann greife ich zum Handy – und warum? Der Griff zum Bildschirm nach einem Streit, vor dem Einschlafen, in Momenten, in denen es still wird: Genau dann ist man am empfänglichsten für Geschichten, die sich anfühlen wie eigene Gedanken. Das zu wissen, ist schon ein erster Schutz.
Reden wir mit unseren Kindern über das, was sie sehen? Meine Kinder konsumieren Inhalte über Beziehungen, Liebe und Selbstwert, lange bevor sie ihre erste Beziehung haben. Ihr Bild davon wird gerade geformt – und zwar nicht am Küchentisch, sondern im Feed. Wenn wir dieses Gespräch nicht führen, führt es der Algorithmus.
Halten wir Reibung noch aus? Sechs Kinder, eine Ehe – da gibt es Reibung. Jeden Tag. Und ja, manchmal ist der Reflex da, sich in den Bildschirm zurückzuziehen, statt das Gespräch zu führen. Aber Liebe ist nichts, das man findet. Sie ist etwas, das man aufbaut. Und das geht nur, wenn man bereit ist, auch das Unbequeme auszuhalten.
Kein Alarmismus, aber Ehrlichkeit
Social Media wird nicht verschwinden, und das muss es auch nicht. Aber wir sollten aufhören, so zu tun, als wäre es ein neutrales Werkzeug. Es formt, wie wir denken, fühlen und bewerten – leise, beharrlich und oft unbemerkt.
Das ist kein Grund zur Panik. Aber es ist ein Grund, genauer hinzuschauen. Und das beginnt dort, wo es am meisten zählt: bei uns zu Hause.
Quellen und weiterführende Texte
Naomi (@naomibabybu): TikTok-Video – Ein vielbeachteter Beitrag darüber, wie der Algorithmus Beziehungsentscheidungen beeinflusst.
Smoothie (shedrinkswater): „Instagram Is Training You to Leave People Who Love You“ – Essay über kognitive Sicherheit und die Ökonomisierung von Intimität.
@naomibabybu The algorithm is not your therapist, it’s a highly elegant machine to incite the strongest negative emotions around our relationships. On a subconscious level, your TikTok feed is building a case against the people who love you and you don’t even know it’s happening. This directly references an article I read a few months ago on medium titled “Instagram is training you to leave people who love you. “ by @shedrinkswater #Relationship#friendship#fypviralシ#fypシ゚
♬ original sound – baby
Anhang: Vollständige deutsche Übersetzung des TikTok-Beitrags von Naomi
TikTok bringt dir bei, die Menschen zu verlassen, die dich lieben
TikTok bringt dir bei, die Menschen zu verlassen, die dich lieben – und das Verstörendste daran ist, dass du glaubst, selbst darauf gekommen zu sein.
Die neue Haltung
Es breitet sich gerade eine sehr überzeugende Haltung aus, die sich still und leise in unser Denken über Beziehungen einschleicht – Liebesbeziehungen, Freundschaften, familiäre Bindungen – und sie hämmert dir immer dasselbe ein: Du hast etwas Besseres verdient. Du bist der Hauptgewinn. Wenn er wollen würde, würde er auch. Und was dir nichts mehr bringt, musst du hinter dir lassen.
Ich sage nicht, dass Frauen in gewalttätigen oder zerstörerischen Beziehungen ausharren sollen. Das ist ein reales historisches Problem. Darum geht es mir nicht. Mir geht es um den Rest von uns – die jungen, ungebundenen, dauerhaft vernetzten Menschen, die nachts um zwölf nach einem Streit auf dem Handy hängen, dem Algorithmus ihren Schmerz servieren – und der Algorithmus serviert eine Antwort zurück.
Was dabei in deinem Kopf passiert
Folgendes spielt sich in deinem Gehirn ab, während du scrollst: Dein präfrontaler Kortex – zuständig für Impulskontrolle, Empathie und vorausschauendes Denken – wird durch den ständigen Konsum von Kurzvideos schrittweise ausgehöhlt.
Eine Dartmouth-Studie von 2023 hat belegt, dass intensiver Kurzvideokonsum die Aufmerksamkeitsspanne und die Fähigkeit zur Gefühlsregulation messbar verschlechtert. Man verliert ganz wörtlich die neurologische Fähigkeit, Unbehagen auszuhalten, ohne sofort dagegen anzugehen.
Und Liebe – echte Liebe – verlangt genau das. Liebe verlangt, Uneindeutigkeit stehenzulassen, ohne einen Vorwurf daraus zu machen. Sie verlangt, Reibung durchzustehen, ohne sich die Deutung davon von Fremden im Internet zu holen. Der Feed macht das unmöglich.
Das Szenario
Stell dir vor, du hattest einen richtig miesen Abend mit deinem Partner oder Streit mit einer Freundin. Du bist fertig, du bist müde. Dein präfrontaler Kortex ist schon am Limit. Du kommst nach Hause, legst dich hin – und greifst wie von selbst zum Handy. Zur Ablenkung, aber auch zur Betäubung.
Und Betäubung ist genau der Zustand, in dem sich Überzeugungen widerstandslos einpflanzen lassen.
Du bleibst an einem TikTok oder Reel über emotionale Unerreichbarkeit hängen – und das reicht. Mehr braucht das System nicht, um diesen Moment zu registrieren und auf deine Verwundbarkeit zu schließen. Auf einmal ist dein Feed voll mit Frauen, die darüber reden, dass Männer nur das Nötigste tun, über Love Bombing, über „Entscheide dich für dich selbst“, über „Du bist nicht seine Priorität“ – und so weiter. Du hast nie danach gesucht, aber jetzt ist es überall.
Die zweite Begegnung
Und jetzt kommt der Teil, der einen wirklich beunruhigen sollte: Der größte Schaden entsteht beim zweiten Mal. Denn beim zweiten Mal fühlt es sich nicht mehr an wie etwas, das man dir gezeigt hat. Es fühlt sich an wie etwas, das du weißt.
Man hört auf zu sagen: „Das habe ich gesehen“ – und fängt an zu sagen: „So sehe ich das.“
Und genau in diesem Moment hört die andere Person – der Partner, die Freundin – auf, ein Mensch zu sein, ein vielschichtiges Gegenüber, und wird zu einem Problem, das man einordnen muss.
Persönliche Erfahrung
Ich habe mir darüber viele Gedanken gemacht, weil mich diese Ideen stärker geprägt haben, als mir lieb ist – besonders in den letzten Jahren.
Meine Familie hat mir praktisch von Geburt an eingetrichtert: „Hab ruhig deine Ambitionen und Ziele, aber dein eigentliches Lebensziel sollte sein, verdammt noch mal reich zu heiraten.“ Ich habe mich mein ganzes Leben dagegen gesträubt. Aber als ich in die Zwanziger kam und Teile dieser Rhetorik online wiederfand, begann sie zu wirken. Irgendwann habe ich tatsächlich angefangen, daran zu glauben – nicht so, wie meine Familie es gemeint hatte, sondern in dieser neuen, geschliffenen, neu verpackten Form, die sich Selbstermächtigung nennt.
Kapitalismus und Intimität
Es erinnert mich an etwas, das die Regisseurin Céline Song während der Pressetour zu ihrem Film The Materialists gesagt hat: Der Kapitalismus diktiert inzwischen buchstäblich jeden Lebensbereich – und mittlerweile auch unser Herz.
Viele von uns bewerten Liebe heute wie ein Geschäft: Was springt für mich dabei raus? Welchen Mehrwert bekomme ich? Wird es nicht Zeit für ein Upgrade?
Wir haben Nähe ökonomisiert und es Selbstachtung genannt. Und der Feed zeigt dir nicht, wie man etwas kitten kann. Er zeigt dir, wie man geht.
Was viral geht
Inhalte über das Reparieren, über gegenseitiges Auffangen, über die völlig unspektakuläre, mühsame Arbeit des Bleibens und Dranbleibens – das geht nicht viral.
Was viral geht: Aufbruch, umgedeutet als Erwachen. Ernüchterung, vermarktet als persönliches Wachstum. Die Beziehung ist kein gemeinsamer innerer Raum mehr. Sie ist eine öffentliche Inszenierung – und das Publikum ist unsichtbar, allgegenwärtig und schaut immer zu.
Die Falle
Uns wird das Urteilsvermögen regelrecht abtrainiert, und wir bilden uns ein, wir würden bewusster leben. Wir glauben, unsere Ansprüche steigen. Aber Bewusstsein und Konditionierung sehen von innen betrachtet genau gleich aus.
Der Feed erwischt dich an deinem schwächsten Punkt – in der Einsamkeit kurz vor dem Einschlafen – und bietet dir keine Einordnung. Er bietet dir eine Geschichte. Und wenn sich diese Geschichte einmal gesetzt hat, fühlt sie sich nicht mehr fremd an. Sie fühlt sich an wie du selbst.
Das ist die Falle.
Schluss
Liebe ist nichts, das man einfach findet. Sie ist etwas, das man aufbaut – über die Zeit. Und dieses Aufbauen verlangt, dass man Unvollkommenheit und Reibung aushalten kann.
Die Frage war nie, ob du etwas Besseres verdient hast. Die Frage ist, ob du noch in der Lage bist, das Echte zu lieben – ohne wegzuscrollen.
Quelle: TikTok @naomibabybu – Übersetzung aus dem Englischen
Text mit Claude.ai erstellt.
Fotoquelle: Google Gemini generiert. Prompt: „Zwei Hände, die einander halten wollen, mit einem Smartphone dazwischen.“